Prag International Marathon

19. Mai 2002

"Wollen wir nicht mal über Pfingsten nach Prag fahren und uns die Stadt ansehen?", fragte ich meine Familie.
"Ach, findet da zufällig ein Marathon statt?", kam als Gegenfrage von meiner Tochter, die mich natürlich sofort durchschaut hatte.
Ich begab mich also ins Reisebüro und buchte "eine Reise zum Prag-Marathon".

Pfingstsamstag treffen wir mittags in Prag ein. Unser erstes Ziel ist das große Zelt auf dem Wenzelsplatz. Ich muss mich dringend anmelden, weil irgendwas mit meiner Anmeldung nicht geklappt hat.
Die jungen Damen hinter dem Tresen sind sehr freundlich. Es geht alles schnell und unkompliziert. Innerhalb von 5 Minuten habe ich meinen Antrag ausgefüllt, die 60 Euro bezahlt, meine Startnummer, T-Shirt und Chip erhalten. Ein guter Anfang.

Im Hotel inspiziere ich den Inhalt des Marathon-Beutels: Ich finde keinen Kleiderbeutel und auch keinen Hinweis, wo man seine Sachen deponieren kann. Die Situation kommt mir irgendwie bekannt vor (Paris-Marathon 1999). Auf verschiedenen Zetteln wird immer wieder auf ein Veranstaltungsheft verwiesen. Dieses Heft fehlt in meiner Tüte.

Abendessen beim Italiener. Am Nachbartisch sitzen drei deutsche Läufer mit ihren Frauen. Sie legen die Treffpunkte für den nächsten Tag fest und blättern in ihren Marathon-Magazinen.
Als ich sie bitte, mir mal kurz ein Heft zu leihen, schenkt mir einer der Drei spontan sein Exemplar. (Vielen Dank!)
Dort wird zumindest erwähnt, dass es eine Möglichkeit der Kleiderabgabe gibt. Ohne genauere Einzelheiten.
Da die Wege in Prag ohnehin recht kurz sind, beschliesse ich, am nächsten Morgen gleich in Laufklamotten zum Start zu gehen.
Nachdem es nachts noch in Strömen geregnet hat, scheint morgens die Sonne. Die Temperaturen sind angenehm.
Lauf-fertig gekleidet verlasse ich das Hotel.

Am Pulverturm treffe ich die ersten Läufer.
Sie ziehen durch die Celefná zum Startplatz am Altstädter Ring.
Die prachtvoll verzierten Gebäude sind vorübergehend um einige "Anbauten" erweitert worden.
Da es hier weit und breit keine Bäume oder Sträucher gibt, sind die männlichen Läufer hier auf die Pinkelrinne angewiesen. Etwas Mut gehört dazu. Aber dann hat man beim Wasser lassen eine gute Sicht auf das Geschehen.
Jetzt interessiert mich erst mal die Sache mit der Kleideraufbewahrung.

In einer Seitenstraße sammeln sich die Läufer vor einem Stand. Dort drinnen gibt man seinen Beutel oder Rucksack ab.

Das Teil wird mit einem Gepäckanhänger versehen, Startnummer drauf geschrieben und dann
an einen Haken gehängt.
Ganz einfach.
Und da die Haken alle nummeriert sind,
geht die Ausgabe nach dem Lauf blitzschnell.
Ich habe noch etwas Zeit um auf dem Platz herum zu laufen.
Hier kann man sich
schon vor dem Lauf
massieren lassen!

In vier Startzonen aufgeteilt, sammeln sich die 3000 Läufer.
Der Starttermin rückt näher.

Neben mir die "Astromonische Uhr".
Wie lange noch bis zum Start?

Nachdem ein Sprecher alle Sponsoren noch einmal aufgezählt hat, geht's los.
Recht zügig ereiche ich die Startlinie.
Ich erspare euch jetzt mal drei (leider) verwackelte Bilder.
Auf geht's.
Durch die Prager Altstadt...
..durch den Pulverturm,
den wir gestern noch
erklettert hatten...
... und natürlich über die Karlsbrücke...
...und immer wieder
durch irgendwelche Tore...
...manchmal "moderne" Tore...
"Händchen klatschen" ist international
Nach 7 Kilometern
verlassen wir die Prager Altstadt
Und jetzt mal ganz ehrlich:
Was jetzt kommt ist ziemlich öde. 32 Kilometer auf einer ätzenden Schnellstraße.
16 Kilometer hin und 16 Kilometer zurück.
(Anmerkung: Dieser Bericht ist aus dem Jahr 2002. Die Strecke des Prag-Marathon ist inzwischen deutlich verändert worden und sicher interessanter. Ich hoffe, bald einen neuen Bericht liefern zu können.)
Der Lauf geht zwar entlang der Moldau.
Aber leider nicht auf einem schönen Wanderweg am Ufer, sondern auf der eben schon erwähnten Schnellstraße.
Die Moldau kann man nur erahnen,
manchmal einen kurzen Blick darauf werfen.
Verpflegungsstellen gibt es recht viele.
Etwa alle 2,5 km.
Dort gibt es Wasser, Isostar, Bananen.
Allerdings sind die Becher nicht vorher befüllt worden, sondern werden erst während des Läuferansturms aus Wasserflaschen befüllt.
Das klappt natürlich nur mehr schlecht als recht.
Da wir größtenteils auf einer Pendelstrecke laufen,
habe ich diesmal sogar Gelegenheit,
einen Blick auf die Spitzenläufer zu werfen.
Zur Mitte des Laufes gibt es kurzzeitig etwas Abwechslung. Wir laufen durch einen kleinen Wald.

Aber danach geht es die ganze Schnellstraße wieder zurück.

Kilometer 39.
Langsam kommt Prag wieder in Sicht.
Das Läuferfeld hat sich inzwischen
etwas auseinander gezogen.
Meine Familie wollte zwar die Zeit nutzen um sich
Prag anzusehen.
Aber sie lassen es sich dann doch nicht nehmen,
mich bei Kilometer 40 leiden zu sehen.
Das ist zwar noch nicht das Ziel. Aber es ist ein erster Hinweis darauf, was uns bald erwartet.
Heute sind WIR die Touristen-Attraktion.
Da hinten ist irgendwo das Ziel...
Genau. Da.
Und geschafft.
Jetzt gibt's die wohl verdiente Medaille.
Die Chips werden wieder eingesammelt.
Ich steige auf die Bühne
und verschieße mein letztes Foto.
Nur wenige Marathons haben so ein
prachtvolles Start- und Zielgelände.
Ein Fazit:
Lohnt es sich, zum Prag-Marathon zu fahren?
Die Frage muss man wohl leider mit "Nein" beantworten.
Die ersten 7 Kilometer und die letzten 3 Kilometer sind wirklich toll.
Aber die 32 Kilometer dazwischen sind ausgesprochen langweilig und auf Dauer demotivierend.
Für Marathon-Anfänger ist die Strecke deshalb auf keinen Fall geeignet.
Allerdings:
Prag ist eine überaus sehenswerte Stadt. Nirgendwo gibt es soviele historische Bauten. Diese Stadt sollte man unbedingt einmal besuchen.
Und wenn mal schon mal dort ist,...
(Noch einmal der Hinweis:Die Strecke wurde inzwischen verändert. Mein Bericht ist daher nicht mehr ganz aktuell. Dez. 2004)

Mai 2002 - Helge Schroeter-Janßen