Paris-Marathon 1999 - Ein Erfahrungsbericht
Ostersonntag, 4. April 1999
6Uhr00
Mein Frühstück vor dem Paris-Marathon: Baquette, was sonst?
6Uhr30
Ich suche meine Sachen zusammen. Die Startnummer ist im Kleiderbeutel, aber keine
Sicherheitsnadeln. Nur gut, dass ich meine eigenen mitgebracht habe. Wo sollte ich denn Sonntag früh in Paris Sicherheitsnadeln herbekommen?
Der Kleiderbeutel ist unnummeriert. Wie soll das denn funktionieren? Mit einem Kugelschreiber male ich meine Startnummer (13416) drauf.
Übrigens war nirgendwo in den Unterlagen ein Hinweis, wo man die Kleidung abgeben soll. Ich beschliesse deshalb, etwas früher loszufahren.
7Uhr15
Ich mache mich auf dem Weg zur nächsten Metro-Station. Es ist noch ruhig auf den Strassen.
Von Marathon-Läufern noch nichts zu sehen.
Auf den Zug brauche ich nicht lange zu warten. Noch bin ich der einzige Läufer. Ich fahre bis "Louvre", dort muss ich umsteigen.
7Uhr30
Auf dem Bahnhof "Louvre" ist schon einiges los. Ein Anblick wie vor dem Berlin-Marathon.
Doch etwas ist anders: Die Läufer kommen schon jetzt in kurzen Laufsachen! Kaum jemand hat einen Jogging-Anzug über. Ich bin der einzige Läufer mit Kleiderbeutel. Mir schwant schreckliches...
Ein anderer Läufer, mit Rucksack, spricht mich an. Auf englisch. Ob ich wüsste, wie das mit der Deponierung der Kleidung wäre.
Wir beratschlagen, was man tun könnte ("Alles auf einen Haufen"). Irgendwann stellen wir fest, dass wir beide aus Deutschland sind. Danach fällt die Kommunikation etwas leichter :-)
7Uhr45
Wir sind jetzt am "Arc de Triomphe", in der Nähe des Starts.
Die Läufer rennen quer über den Platz. Der Kreisverkehr ist allerdings nicht für den Autoverkehr gesperrt. Ziemliches Chaos. Die Verkehrsregelung erfolgt entsprechend der französischen Strassenverkehrsordnung (§1 "Der Schwächere gibt nach")
Wie befürchtet, ist hier von Kleider-Abgabe nichts zu sehen. Ich renne umher, frage die Läufer, wo ich meinen Beutel abgeben kann. Immer dieselbe Antwort: "Keine Abgabe möglich."
Ich frage zwei Polizisten nach einem Info-Stand oder ähnlichem. "Kein Infostand, keine Kleiderabgabe".
Inzwischen rennen die Läufer zur Startzone. Dort haben sich schon einige Tausend versammelt. Jetzt schon? Es ist doch noch über eine Stunde bis zum Start! Oder ist der Start schon um 8 Uhr? Panik bricht aus. (Bei mir)
Was mache ich jetzt mit meinem Kleiderbeutel? Es hat offensichtlich keinen Sinn, ihn hier irgendwo liegen zu lassen. Das Ziel ist mindestens einen Kilometer entfernt.
8Uhr15
Ich beschliesse, mich jetzt erstmal umzuziehen. Irgendwas wird mir schon einfallen.
Mir kommt eine Idee. Einige Läufer ziehen sich an ihren Autos um und verstauen ihre Sachen im Kofferraum. Vielleicht kann ich ja jemanden überreden...
Ich ziehe mich schnell um. Jetzt muss ich noch einen neuen Film in meinen Fotoapparat einlegen. Den alten Film hatte ich schon unterwegs in der Metro verknipst. In der Hektik drücke ich wohl den falschen Knopf. Der neue Film wird in die Patrone zurückgespult. Das war's.
Meine Stimmung ist auf dem Tiefstpunkt angelangt :-(
Wochenlang habe ich mir überlegt, was ich unterwegs alles fotografieren will. Und nun das.
8Uhr30
Ich hab's geschafft. An einem Kleinbus habe ich eine Gruppe von Franzosen überredet, meinen Beutel mit einzuschliessen. Ich habe versprochen, dass ich 3:30 laufe und den Beutel dann gleich abhole.
Etwas erleichtert, aber immer noch ziemlich deprimiert gehe ich zum Startbereich.
Es gibt keine Startzonen. Deshalb sind die Läufer vorhin so gerannt. Wer hier eine gute Zeit laufen will, muss mindestens eine Stunde vorher am Start stehen. Warmlaufen ist da nicht drin.
Eigentlich müsste ich ja vorher noch mal...
Aber es gibt nur 10 Klo-Häuschen. Ungelogen. 10 Klo-Häuschen für 22000 Läufer. Und weit und breit keine Hecke oder Gebüsch, wo man mal verschwinden könnte.
Na gut, so dringend ist es nicht. Ich gehe zum Start.
Unterwegs sehe ich noch einen als Bäuerin verkleideten Läufer. Sieht echt klasse aus. Ach wenn ich jetzt doch einen Fotoapparat hätte...
8Uhr45
Ich stehe jetzt mitten im Startfeld. Der Himmel ist bedeckt, aber es regnet nicht. Die Läufer um mich herum haben Overalls aus dünner Plastikfolie über. Ausserdem hat jeder eine dieser praktischen 0,5l-Wasserflaschen in der Hand.
Am Schuh haben wir alle schwarze Time-Chips, die hier ohne Pfand ausgeliehen werden.
("No Chip, no Time. Lose the Chip - it's a crime")
8Uhr55
Die Rollstuhlfahrer sind schon gestartet.
Einige Läufer versuchen, ihre Plastik-Overalls an den Rand zu werfen. Die meisten lassen die Folien einfach fallen. Ebenso die Wasserflaschen.
Ein Läufer verteilt jetzt massenhaft Seiten mit Fotos nackter Frauen, die er aus Illustrierten herausgerissen hat. Die Seiten werden lachend weitergereicht.
Soll uns das auf andere Gedanken bringen, oder was?
9Uhr00
Vorne gab's Applaus. Offensichtlich ist der Startschuss gefallen.
9Uhr02
Endlich können wir losgehen. Wir waten durch 10 cm hohen Plastikmüll. Ein Gefühl, als ob man eine Müllkippe überquert. Einige Läufer stürzen, bevor sie die Startlinie erreicht haben.
9Uhr05
Endlich an der Startlinie. Langsam lostraben. Um unsere Füsse wickeln sich immer noch die Folien.
Km 1
Wir laufen auf der berühmten "Champs-Elysees". Eine breite Strasse. Durchaus geeignet für den Start eines so grossen Marathons. Trotzdem kommt man nur langsam voran.
Man sieht ein grosses Läuferfeld vor sich. In der Ferne ist ein Obelisk zu sehen.
Km 2,5
Wir sind jetzt am "Place de la Concorde", mit dem Obelisken in der Mitte. Der Platz muss umrundet werden. Teilweise wird es sehr eng.
Am Rand ein vertrauter Anblick: Dänische Zuschauer bejubeln ihre Läufer und verbreiten wie immer fröhliche Stimmung.
Ansonsten ist zuschauermässig nicht allzuviel los.
Meine Blase kneift. Ich sehe nirgendwo eine Stelle, wo ich mal...
Ob es den anderen auch so geht?
Km 4
Einigen anderen Läufern ist jetzt alles egal: Sie pinkeln an die Aussenmauern des Louvre!
Na ja, etwas warten kann ich noch.
Km 5
Ein Blick auf die Uhr: 27 Minuten für die ersten 5 km. Ich würde gerne etwas schneller laufen.
Aber das Läuferfeld ist einfach zu dicht.
Der erste Verpflegungsstand: Es gibt Wasser in 0,5l-Flaschen. Durchaus praktisch.
Man kann sie eine ganze Weile mit sich mitführen. Aber besonders umweltfreundlich ist das nicht.
Km 6
Eine lange Reihe von Läufern steht wasserlassend an einem Zaun. Ich finde auch eine Lücke. Erleichterung. Der Garten dahinter steht kurz vor der Überschwemmung.
Jetzt kann ich mich wieder mehr auf's Laufen und auf die Strecke konzentrieren.
Km 7
Der Sturm auf die "Bastille". Genug Leute wären wir ja. Und auch noch gut drauf. Aber die "Bastille" fehlt. Ist nur noch ein Platz, der diesen Namen trägt. Mit einer Säule in der Mitte. Mit einem Engel drauf.
Km 10
Wir haben jetzt Paris einmal durchquert. Es geht erstmal ins Grüne. Einen grossen Schlosspark umrunden.
Übrigens sind die einzelnen Kilometer unübersehbar markiert: Rechts und links ein Schild, Linie auf der Strasse und die Kilometerzahl nochmal auf die Strasse gepinselt.
Die Verpflegungsstellen unterwegs (alle 5 km) sind gut ausgerüstet: Wasserflaschen, Obst (Bananen, Orangen, Zitronen) und Zuckerwürfel(!).
Km 20
Wir sind wieder in Paris. Auf den Hinweisschilder stehen Namen wie "Austerlitz" und "Bastille".
Erinnert mich irgendwie an den Geschichts-Unterricht.
Ich sehe zwei verkleidete Läufer: Einer als Kellner mit 'nem Tablett, einer als Mönch verkleidet. Der schwitzt ganz schön in seiner Kutte.
Am Rand die passenden Kino-Plakate zum Marathon: "Lola rennt"
Einige Zuschauer am Rand feuern uns an: "Allez, allez"
Km 24
Wir sind wieder am "Place de la Bastille". Von dort aus geht's an die "Seine".
Fast 10 km werden wir an der Seine lang laufen.
Km 26
Die Läufer biegen plötzlich nach links ab. Ich bekomme einen Riesenschreck, weil
ich zuerst denke, dass wir die Seine überqueren müssen. Meine Familie würde dann am falschen Ufer auf mich warten. Aber nein, wir wechseln nur auf den Fussweg direkt unten am Ufer. Dort ist der Weg allerdings nicht allzu breit.
Km 27
Am Louvre werde ich plötzlich mit "Helge, Helge" angefeuert. Meine Familie hat mich tatsächlich inmitten der Läufermassen erspäht. Kurz danach geht es in einen langen Tunnel. Ist bestimmt einen Kilometer lang. Es hallt so schön, wenn man "Juchuu" ruft. Aber nicht alle Läufer machen mit. Die meisten scheinen etwas ausser Atem zu sein.
Ich habe endlich mehr Platz und kann tempomässig etwas zulegen. Mein km-Schnitt liegt jetzt bei 4:40.
Km 30
Nach zwei oder drei weiteren, aber kürzeren, Tunneln steht jetzt am anderen Ufer unübersehbar der Eiffelturm. An der Seite eine riesige Digitaluhr: Noch 272 Tage bis zum Jahr 2000.
Ich habe das Gefühl, die Läufer um mich herum haben jetzt ganz andere Probleme...
Also mir geht's prima.
Km 34
Wir sind jetzt wieder im Grünen. Diesmal am westlichen Ende von Paris. Sieht irgendwie
aus wie der "Central Park" in New York. Breite Strassen. Ich komme gut voran. Keine Spur von "Mauer".
"Courage, courage", rufen die Zuschauer am Rand.
Km 40
Ich kann es nicht fassen. Noch zwei Kilometern bis zum Ziel.
Und wir laufen jetzt im Wald !
Die Strasse ist allerdings OK.
Km 41
Links ist ein netter See. Dort kann man offensichtlich Ruderboote mieten.
Ich beschliesse jetzt aus purem Übermut, einen Kilometer zu powern.
In 4:00 will ich den nächsten Kilometer schaffen.
Wir kommen jetzt aus dem Park/Wald heraus. Hier stehen endlich auch mehr Zuschauer.
Leider bleibe ich ein paarmal an Läufergruppen hängen.
Km 42
Na ja, 4:14 sind's geworden. Ist doch nicht schlecht für den letzten Kilometer, oder?
Vor uns das Ziel. In der Ferne der "Arc de Triomphe".
Km 42,2
Die grosse Uhr zeigt 3:33, meine Stoppuhr 3:28 als ich über die Zielmatten hüpfe.
Selten habe ich mich am Ziel eines Marathons so fit gefühlt.
Jetzt folgt eine lange Laufgasse zum Auslaufen. So wie in Berlin.
Junge Damen verteilen die Medaillen, allerdings in Folie eingeschweisst.
Ein paar Meter weiter gibt's silberne Päckchen. Die Wärmeschutzfolie. Muss aber jeder selber auseinanderpfriemeln.
Ein paar Männer hocken auf Schemeln, mit Kneifzangen bewaffnet.
Sie sammeln die Chips ein, die jeder mit einem Kabelbinder an seinem Schuh befestigen musste.
Danach dann die Verpflegungsstände. Ich greife mir eine Wasserflasche. Das reicht. Essen kann ich später.
Es folgen Sanitätszelte und Massagezelte.
Und dann trifft mich fast der Schlag:
Dort stehen Zelte, in denen man seine Klamotten vor dem Start deponieren kann!
Wurden zwar nicht übermässig genutzt, aber einige Kleiderbeutel und Sporttaschen stehen doch dort.
Na ja, ist nicht mehr zu ändern.
Die Läufer müssen jetzt durch ein Tor. Eine ziemliche Drängelei. Ich fühle mich wie bei der Love-Parade. Draussen vor der Absperrung warten die Verwandten. Es geht nicht vor und nicht zurück. Hoffentlich kippt jetzt keiner um.
Ich bin endlich raus. Nun den Kleinbus suchen. Welche Farbe hatte der nochmal? Hellblau? Dunkelblau?
Endlich gefunden. Er steht noch da.
Die Franzosen stellen sich erstmal dumm. Lassen mich schmoren. War aber nur Spass :-)
Ich bedanke mich tausendmal.
Sie haben immerhin meinen Marathon gerettet :-)
Helge Schroeter-Janssen
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