Die Schmach von London -
oder: Wo kommen die zwanzig Minuten her ?
Ein Bericht vom Flora London Marathon am 13. April 2008
Da wird man 50 und was gibt’s zum Geburtstag geschenkt ? Na klar hat es was mit
laufen zu tun, schließlich ist das Marathon laufen ja mein Hobby wie jeder weiß.
Konsequenter Weise wurde von den Freunden, der Familie und den Kollegen dann
für eine organisierte Reise zum London Marathon 2008 gesammelt. Organisiert
deshalb, weil es fast unmöglich ist eine Startnummer als deutscher „Oversea“
Teilnehmer im Losverfahren zu bekommen. Dass es doch geht weiß ich jetzt, da
mein Lauffreund Karsten beim vierten Anlauf eine Nummer gewonnen hat (übrigens
war auch er gut 20 Minuten langsamer als bei seinem letzten Lauf in Berlin).
Trotzdem muss man wissen das London eine fast ausschließlich Britische
Angelegenheit ist. Bei 34.292 Finishern sind lediglich 312 Deutsche in der
Ergebnisliste von 2008 zu finden.
Natürlich sollte ein so bedeutendes Laufereignis auch mit einer guten Zeit gefinished
werden. Das klappte dann nicht wirklich, und noch immer bin ich auf der Suche nach
den Gründen warum mir 20 Minuten hinzu addiert wurden.
Vielleicht lag es ja am Training. Aber eigentlich glaube ich das nicht, denn ich
hatte meine geplanten Trainingsläufe alle absolviert – sowohl Schnelle bis 20km als
auch 6 Lange mit 35km. Auch die Trainingswettkämpfe hatte ich mit
vielversprechenden Ergebnissen gemeistert . 10km mit 0:45h und 21,1km mit 1:39h
sollten eigentlich für die geplanten 3:30h gut genug sein, zumal ich im Herbst in Köln
bei schlechterem Training auch mit 3:30 ins Ziel kam. Aber die letzten 10 Tage, da
habe ich mich geweigert noch zu laufen. Es herrschte Schneechaos im Taunus und
ich hatte einfach keine Lust mehr diesem Sauwetter zu trotzen. Aber eigentlich kann
es daran nicht gelegen haben.
Vielleicht lag es ja am Wetter. Gut, ich wollte endlich mal wieder einen kühlen
Marathon laufen. So 13°C bis 16°C wären da ja optimal. Schien zu Beginn noch die
Sonne so war bei der Halbmarathonmarke Schluss mit Lustig. Ein Platzregen ergoss
sich aus einer rabenschwarzen Wolke auf die Läuferschar. Ich würde sagen der
Wind und das Nass ließen die Temperatur auf gefühlte 0°C fallen. Erst am Ende
kam dann die Sonne wieder zum Vorschein um dann im Ziel wieder mit einem
erneuten Platzregen aufzutrumpfen. Nach Wetter-online.de waren es am 13.April
6°C in London (ein Jahr zuvor aber über 30°C). Aber eigentlich kann es daran nicht
gelegen haben.
 | | Läuferfeld bei Meile 11, da war ich noch gut in der Zeit |
Vielleicht lag es ja an der Strecke. Punkt zu Punkt, vom verschlafenen
Greenwich im Osten bis zum berühmten Buckingham Palast im Westen. Dazwischen
eine Schleife durch das neue Bankengebiet mit fantastischen Hochhäusern wo früher
Werften und Docks waren. Am blauen Start auf der riesigen grünen Wiese geht alles
sehr relaxed zu, zumal ich mit dem Reisebus angeliefert werde und mich so nicht in
die U-Bahn quetschen musste. So viele Dixi-Häusschen hab ich noch nie auf einem
Haufen gesehen. Dazu noch jede Menge Pissoirs für die Herren der Schöpfung. Auf
einer großen Leinwand wird der Start der Damen Elite und der Rollifahrer übertragen,
Zeit den Kleiderbeutel abzugeben und die Startaufstellung aufzusuchen. Auch in der
Zone 4 bleibt alles relaxed, kein Gedrängel wie sonst üblich. Einige Herren die das
öffentliche Urinieren nicht lassen können werden von der auffallend großen Menge
der sportlichen Damen lautstark missbilligt. Das ist ein „no do“ hier ! Um 9:40 wird
zum Start aufgerückt und dann geht’s auch schon los – ganz ohne anpeitschen und
Ola –Welle. Dummerweise wird schon nach kurzer Strecke aus dem vierspurigen
Start eine zweispurige Dorfstrasse. Da muss es natürlich zum Rückstau kommen.
Noch schlechter, beziehungsweise gefährlicher sind die hunderten von
Verkehrsinseln die ohne Vorwarnung mitten auf der Strasse auftauchen und sogar
die Seiten verengen. Fast wäre ich an der ersten Insel zerschellt, da ich meist auf
der Mittellinie laufe… Erschwerend hinzukommen noch Buckel und Kreisel die immer
wieder für Gedränge sorgen. Manchmal habe ich mir die Chinesische Kampftruppe
mit den blauen Trainingsanzügen herbeigewünscht, die die Olympiafackel schützten.
Nachdem auch die Starter von grün und rot auf unsere Strecke gestoßen sind wird
es nicht einfacher. Jetzt kommen ständig kleine Brücken, die zwar nicht wirklich hoch
sind, aber den Laufrhythmus zusätzlich brechen. Irgendwo habe ich gelesen, das
sich 100 Höhenmeter addieren !
Nach dem Regen behinderten auch noch riesige Pfützen das Laufen auf dem
geraden Weg. Aber irgendwie kann das alles nicht der Grund sein, denn schließlich
hat Martin Lel 2008 einen neuen Streckenrekord mit 2:05:15 aufgestellt und Irna
Mikilenko einen deutschen Rekord mit 2:24:16. Trotzdem bin ich der Meinung das
London nicht wirklich eine Rekord Strecke ist. Da würde ich doch eher Berlin
empfehlen. Im Ziel geht dann alles wieder sehr geordnet zu. Man bekommt den Chip
abgeschnitten, einen Beutel mit Essen, Trinken und Finishershirt (auf das ich
diesmal echt stolz bin) und wird ohne Stopp durchgeschleust zu den Lastern mit den
Kleiderbeuteln. Am Ende dann ein Sammelpunkt für die „Oversea“ Teilnehmer wo ein
kaltes Bier beim Treffpunkt von Interair auf mich wartet. Zurück zum Hotel ging’s
dann mit dem Bus, da die Tube hoffnungslos verstopft war.
Vielleicht lag es ja auch an der Kleidung. Bedenkt man wie die Schwimmer
zurzeit mit ihren Schwimmanzügen hadern (früher tat es eine Badehose) so muss
doch auch beim laufen noch was drin sein. Einige Läufer hier laufen auch mit
Verkleidung, aber in Köln geht’s nach meiner Ansicht bunter zu. Vielleicht sollte ich
es mal mit dem grünen Tanga versuchen (siehe Foto). Es liefen auch 6 Massai-
Kieger mit. Ihr Schuhwerk war aus alten Autoreifen hergestellt. Das scheint
zumindest zeitlich nichts zu bringen - sie endeten mit einer eher schwachen
Marathon Zeit - aber sie haben zumindest das Geld für eine Brunnenbohrung
zusammen bekommen. Meine lieben Kollegen behaupten ich sollte mir endlich mal
die Haare schneiden lassen, das würde einige Minuten bringen. Ob es das gebracht
hätte ?
Vielleicht liegt es ja am Alter. Mein erster lauf mit 50 - das muss gravierende
Auswirkungen haben. Aber da geistert ja der 101 jährige durch die Medien, der sogar
noch raucht , Bier trinkt und sogar noch arbeitet. Leider finde ich diesen Buster
Martin nicht in der Ergebnisliste. Die schließt bei 7:30 und er soll über zehn Stunden
gebraucht haben. Am nächsten morgen fliegt der Betrug allerdings auf. Er ist erst 94
und alles ist ein perfekter Werbe-Gag für die Firma in der er angeblich arbeitet…Aber
es gibt tatsächlich schnelle Oldies. Als schnellster M60 finishte der Deutsche Uwe
Bodmer mit 2:54, und der schnellste in M75 war mit 3:49 immerhin noch vor mir im
Ziel. Am Alter sollte es also nicht gelegen haben.
Vielleicht lag es ja an der Zeitumstellung. Dieses vor und zurück mit
Winterzeit, Sommerzeit und wieder zurück auf Greenwich Zeit. Das macht am ja total
durcheinander. Und dann eine Startzeit um 9:45. Da soll der Bio-Rhythmus mal nicht
durcheinander kommen.
Vielleicht lag es ja auch an der Verpflegung. Erstklassig die
Wasserversorgung in kleinen Flaschen alle paar Meilen. Das sollten sich Andere
Veranstalter mal ansehen. Wer auf das klebrige Lucozade Isogetränk steht wird auch
gut versorgt, aber das war es dann auch schon. Dann gibt es lediglich Süßigkeiten
von den Zuschauern, die wie im Zoo durch die Sperrgitter an die Laufgemeinde
verfüttert werden. Meine persönlich Banane, bei Meile 24 gereicht, kam dann doch
zu spät, da war ich schon weit hinterm soll.
 | | Wasser so viel du willst, aber keine Bananen. Bei Meile 24 |
Aber vielleicht lag es ja auch einfach nur an den Meilen. OK ich weiß das seit
genau 100 Jahren, als die Olympiade 1908 zu Gast in London war, eine neue
Distanz gilt. Von Windsor Castel zur Königlichen Loge im neuen Stadion waren es
eben 26,385 Meilen. Aus diesem Grunde musste ich ja schon in Athen eine kleine
Schleife bei Marathon einlegen, da die Originaldistanz eben nur ca. 40km betrug.
Aber hier in England wird aus einer pace von 5 min/km eine pace von 8 min/m. Wie
soll man da bloß seinen Schnitt kontrollieren und halten ? Da trainiert man jahrelang
auf km und jetzt das. Aber jetzt kommt’s : „Zum ersten Mal in seiner Geschichte
musste die Strecke des Flora London Marathon während der Veranstaltung geändert
werden, da ein Leck an einer Gasleitung in der Nähe der Tower Bridge gemeldet
wurde. Durch die Streckenveränderung wurde die Strecke letztlich um rund drei
Meter länger“. Aha, da haben wir es also. 3 Meter länger. Ha ha ! Das ich nicht lache.
Wahrscheinlich stand in der Meldung 3m was nicht Meter sondern Meilen bedeutet.
3 Meilen haben sie uns also weiter als die Elite durch die Gassen von London
getrieben. Bei einer pace von von 8min/m macht das 24 Minuten aus! Ziehe ich das
also geschwind von meiner Endzeit von 3:52 ab so lande ich bei 3:28. Ha, na also!
Da liegt also der Hase begraben, und ich fühle mich wider richtig gut.
Spaß bei Seite, der London Marathon ist auf alle Fälle eine Reise wert. London ist
zwar teuer aber eine sehenswerte Stadt. Wenn man gerne mal wo anders starten
möchte bietet sich London wegen seiner unglaublich vielen Zuschauer und der
grandiosen Läuferzahlen an. Ein Muß ist London wenn man die wichtigsten Läufe
Europas oder der Welt auf seiner Rechnung hat . Da spielt die gelaufene Zeit eine
wirklich untergeordnete Rolle.
(Ulrich Berghäuser, April 2008)
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