Swiss Jura Marathon 2002
30.6.2002 - 6.7.2002
Aus der Ausschreibung:
Europas längster Berglauf von Genf nach Basel über den Jura-Höhenweg,
von der Rhone bis zum Rhein in 7 Tagesetappen
Internationaler Wettlauf alle zwei Jahre für folgende Kategorien:
· Runner/innen (mit Zeitlimit - Rangliste)
· Finisher/innen - ohne Rangliste
Weitere Angaben:
· 7 Tagesetappen von 37 bis 53 km (total 323 km)
· Tägliche Höhendifferenzen von 1000 bis 2000 Meter, totale Höhendifferenz über 8000 Meter
· Lauferfahrene Betreuer/innen verpflegen alle 8 bis 10 km die Laufteilnehmer/innen auf der Strecke.
· Zeitnahme mit täglichen Ranglisten.
· Persönliche Auszeichnungen und Urkunden, Bar- und Goldpreise.
Am Samstag, 29.6.2002 traf unsere Berliner Laufgruppe am Vormittag in Genf ein.
Birgit, Siglinde, Frank, Manfred, Tobias und ich wollten den Swiss Jura Marathon laufen.
1. Tag Genf - St. Cergue 45 km +1200 m/-534 m
5:00 Aufstehen, ohne Hektik fertig machen
6:45 Verpflegung und Koffer abgeben
7:00 Bus zum Start
7:30 am Startgelände, Seepromenade gegenüber dem Beau Rivage Hotel
8:00 Start
Wunderbarer, sonniger Morgen, Montblanc Massiv war im Morgendunst nicht zu sehen. Schöner Beginn am Ufer des Genfer Sees, durch Botanischen Garten bergauf aus Genf raus. Dann kam ein wunderbarer Wald, in welchem wir an einem kleinen Fluss entlang liefen. Dieses Stück war traumhaft schön. (Märchenwald im Bibertal)
Sehr wurzelig, man musste konzentriert laufen. Dennoch war das Wechselspiel zwischen Sonne und Schatten faszinierend.
Dann liefen wir (Siglinde und ich liefen die ganzen Tage zusammen) durch Felder und Wiesen in Richtung Berg (la Dôle). Zum Teil über Asphalt, Forstwege und schmale Pfade. Vom Kulminationspunkt aus bewegten wir uns über Weideland stetig abwärts dem Ziel nach 45 km entgegen.
(Temperatur war in Ordnung, da bei Hitze schon aus dem Genfer Kessel raus. Ab Baumgrenze leichter Wind und Sonne in leichten Dunstwolken.)
2. Tag St. Cergue - Vallorbe 47 km +730 m/-1021 m
Starke Magen-Darmprobleme
Start bei strahlendem Sonnenschein. Innerhalb von 14 km waren 450 Höhenmeter zu überwinden. Zwischen Bergwiesen führte die Strecke in einen dunklen Nadelwald, welcher nach einigen Kilometern in einen lichten Laubwald überging. Die Strecke wechselte zwischen Almwiesen und Waldstücken. Vom höchsten Punkt liefen wir ca. 11,5 km bis zum Lac de la Joux hinab. Dann verlief die Strecke auf einer Uferseite den ganzen See entlang. Allerdings mussten wir noch einmal 150 Höhenmeter aufwärts, da ein Teil des Seeufers nicht begehbar war. Zum Glück war es an diesem durchgängig sonnigen Tag immer wieder windig, so dass die Temperatur erträglich war. Zieleinlauf war in Vallorbe in einem Sportstadion, sehr heiß!
3. Tag (Königsetappe) Vallorbe - Fleurier 37 km +1380 m/-1389 m
In der Nacht Wetterumschwung. 9:00 Start bei einigen Regentropfen auf 750 m Höhe. Nach 12 km Anstieg auf 1530 m zum Le Suchet. Dort regnete es stark, wenig Fernsicht. Danach ein steiler, teilweise steiniger Abstieg nach Col des Etroits. Wobei gesagt werden muss, dass weder die Aufstiege nur nach oben, noch die Abstiege nur nach unten gehen. Immer wieder kommen wellenförmige Zwischenstücke. Die Strecke von Col des Etroits (1166 m) zum Chasseron (1607 m) war im Nebel schwer zu finden (2x verlaufen). Auf dem Grat peitschte der Wind, der Regen kam waagerecht zur Strecke. Trotz Regenjacke kamen wir verfroren am Verpflegungspunkt an. Dort gab es (Dank an die engagierten Helfer) heißen Tee. Der Abstieg zum Ziel in Fleurier (743 m) zum Teil über klatschnasse, rutschige Almwiesen oder sehr steile, steinige Waldwege erforderte wieder die ganze Konzentration.
4. Tag (mühsame Etappe) Fleurier - La Chaux de Fonds 42 km +1028 m/-773 m
15 km flacher Radweg am Fluss entlang. Schönes Wetter. Dann brutaler Aufstieg über 550 Höhenmeter. Weiter ging es an einem steilen Bergabsturz mit wunderbarer Fernsicht.
Um diese Aussicht zu genießen, war es notwendig, im Lauf innezuhalten. Insgesamt war die Strecke sehr sehr anspruchsvoll mit starker Sturzgefahr, zumal der Körper nach dem steilen Aufstieg schon ausgelaugt war und die Konzentration stark zu wünschen übrig ließ. Trotz allem haben wir das Zeitlimit um 25 Minuten unterschritten.
5. Tag (Kaiseretappe) La Chaux de Fonds - Biel 52 km +1340 m/-1890 m
In der Nacht fiel starker Regen. Die Temperaturen auf 1000 Meter Meereshöhe lagen am frühen Morgen bei ca. 5 Grad Celsius. Also warme, lange Laufklamotten und Regenjacke angezogen. Streckenbeschreibung auf und ab. Der erste Anstieg zum Mont d'Amin war erstaunlich schnell geschafft, obwohl wir schon mehr als 180km "in den Beinen" haben. Die Strecke zum Chasseral zog sich über weite Almen mit An- und Abstiegen hin.
Das Wetter war zum Laufen sehr gut, es regnete nicht. Im Abstieg vom Chasseral führte die Strecke durch eine sehr schöne parkähnliche Wald- und Wiesenlandschaft. Den Einstieg in die Taubenlochschlucht vor Biel verfehlten wir leider, da wohl die Markierungen von einer Schulklasse mutwillig entfernt wurden. So kamen wir etwas über dem Zeitlimit ins Ziel; aber wir sind weiterhin alle in der Rangliste als Runner.
Sehnenschmerzen, Fußspann, Schienbein, rechts.
Nach 5 Tagen ist die Umwelt doch schon stark reduziert auf Laufen, Quartier machen, Massage, Sani aufsuchen, Essen und Schlafen. Scheinbar gibt es für uns nichts anderes mehr. Ich schaffe es nicht, so viel zu essen, um alle verbrauchten Kohlehydrate aufzufüllen.
Ebenso macht sich langsam der wenige Schlaf bemerkbar, da wir immer sehr früh aufstehen, um noch vor dem Start genügend essen zu können. Aber es geht allen so.
Morgen kommt wieder eine schwere Etappe.
6. Tag Biel - Balsthal 49 km +1634 m/-1590 m
Start bei strahlendem Sonnenschein. Nach der Taubenlochschlucht geht es permanent nach oben -Profil- . Am Anfang wieder Lennés Parklandschaften, dann führt der Weg von einem Berggrat zum Anderen. Es ist im wortwörtlichen Sinne eine Gratwanderung. Erschwerend kommt zu den sehr steilen Abfällen rechts und links das Sonnenspiel zwischen den Bäumen und die steinigen und wurzeligen Pfade hinzu, auf denen an ein schnelles Laufen nicht zu denken ist. Die Gefahr eines Absturzes ist sehr hoch, man muss sehr konzentriert laufen.
Schwindelfreiheit und keine Höhenangst ist an einigen Passagen sehr wichtig. Vom Profil der Laufstrecke dachten wir, auf ebenen Abschnitten schneller laufen zu können. Diese Wege führten aber zum größten Teil auf den Berggraten entlang. So tropften die Kilometer langsam im verrinnenden Zeitstrom dahin. Zum krönenden Abschluss der harten Etappe kam ein mörderischer Abstieg von 750 Höhenmeter auf 2 km Länge. Zum "Beine ausschütteln" bis zum Dorfplatz (Ziel) blieb uns noch 1,5 km. Aber wir sind alle noch im Rennen!
Die ganze Strecke starke Schmerzen am Schienbein, welche durch die irre Abwärtsstrecke (wir hangelten uns teilweise von Baum zu Baum) unerträglich wurden.
Letzter Tag Balsthal - Basel 50 km + 1100 m/- 1330 m
Hanna sagte im Telefonat gestern Abend: "Jürgen, du schaffst es!" Nun, sie weiß nicht, wie es meinem Bein geht. Sani und eine Nacht Ruhe waren zu wenig. Schon beim normalen Gehen zum Frühstück ist der Schmerz recht deutlich zu spüren. Siglinde und ich starten heute schon um 7:00 Uhr, wir dürfen auch außerhalb der Sollzeit ankommen, bleiben bis 15:30 Uhr Ankunft dennoch in der Runner-Rangliste. In der Nacht hat es stark geregnet, zum Start regnet es nur noch leicht. Die Wolken hängen sehr tief und bis Kilometer 20 müssen wir noch 2 Berge überwinden. Bergauf habe ich weniger Probleme, flach mehr, dafür kann ich bergab kaum mehr laufen. Die Streckenmarkierung ist in den tiefen Wolken schwer zu finden und ich laufe nur hinter Siglinde her. Sie übernimmt die ganze Streckensuche. Ich halte die ersten Verpflegungspunkte nicht an, um nicht aus dem Takt zu kommen. Siglinde und ich trennen uns nach dem zweiten Berg und ich bin froh, dass sie mich durch den Nebel geleitet hat. Wir hatten auch fest vereinbart, dass wir uns trennen, wenn eine/r nicht mehr mithalten kann. Nun war es soweit. Ich bremste sie nur noch. Allein gelang es mir, mich mit einer dauernden Spruchwiederholung in einen relativ schmerzfreien Tunnel zu retten. Dadurch kann ich auch nichts zu dieser Etappe schreiben. Ich kam noch gut unter der Sollzeit von 7 Stunden ins Ziel. Ohne Autosuggestion hätte ich nicht so schnell laufen können. Aber ich denke auch, ohne eine gewisse Leidensfähigkeit kommt niemand durch diese 7 Tage. Gute Vorbereitung und eine gute Gesundheit können auch nicht schaden.
FAZIT: Es waren sehr interessante und schöne Tage, und ich bin erstaunt, zu welchen Leistungen mein Körper im Stande ist. Zu verstehen ist dies alles nur von TeilnehmerInnen.
Ich habe eine Menge interessante und liebenswürdige Menschen kennen gelernt. Bei einer 2. Teilnahme würde ich allerdings den gemütlicheren Swiss Jura Trail vorziehen.
Nachdem alle im Ziel waren, gab es eine sehr schöne Abschlussfeier mit Siegerehrung und Ranglistenverlesung. Alle Runner wurden mit Preisen bedacht.
Ein besonderer Dank gebührt besonders den Helfern und dem Organisationskomitee um Urs Schüpbach. Was diese Menschen in den 7 Tagen geleistet haben, kann nicht hoch genug gelobt werden.
Berlin, Juli 2002
Jürgen Köllner koellner@mail.ub.tu-berlin.de